Sie entsteigen dem Wasser zart und anmutig. Am Saum ihres grünen Gewands perlen Tropfen herab, ihr langes Haar ist klamm, und wer sie sieht, spürt es sofort: Das ist kein Mensch.
An Flüssen, Bächen und Mooren tauchen sie auf. Wasserfrauen sind ambivalente Wesen. Je nach Laune hilfreich oder bedrohlich.
Sie verführen zuweilen junge Männer und verschleppen sie in die Tiefe der Gewässer. Denn sie lassen mit ihrem Zauber für einen Moment vergessen, wie dunkel Wasser werden kann.
Wasserfrauen sind ihrem Element verpflichtet. Das fließende Nass ist ihr Zuhause und ihre Eigenart. Ein Bach kann glitzern und verzaubern, doch ein Fluss kann reißen und verschlingen. So wirst du an der Oberfläche des Wassers nie erahnen können, wie es darunter aussieht. Genau diese Zwiespältigkeit tragen sie in sich - Nie ganz berechenbar, nie ganz zu halten, so wie das Wasser.
Das Antlitz dieses Wassergeistes gleicht einer betörenden Frau. Sie ist keine Nixe, See- oder Meerjungfrau und trägt keinen Fischschwanz. Sie ist das weibliche schöne Äquivalent des Wassermanns, doch nicht mit seiner Macht zu vergleichen.
Wasserfrauen tragen den Schatten der Tiefe mit sich. Sie sind nicht nur der Ort, den sie bewohnen, sie sind auch die Entscheidung: Ziehe ich dich hinaus oder ziehe ich dich hinab?
Sie stehen zwischen Menschenwelt und Wasserreich, zwischen Sehnsucht und Warnung, zwischen Schönheit und Gefahr.
Du erkennst sie an ihren fließenden Bewegungen, am tropfenden Saum und am feuchten Haar. Sie mag dich anlächeln und mit ihren süßen Worten zu dir locken.
So warne ich dich, wenn du einer Wasserfrau begegnest, behandle sie höflich und lass dich nicht von ihrer Erscheinung verführen oder täuschen. Erkenne den tropfenden Saum und das feuchte Haar. Hör sie an, aber folge ihr nicht blind.
Wer dem Wasser zu nahe kommt, vergisst leicht, wo oben und unten ist … denn die Wasserfrau ist nicht an diese Grenze gebunden.